„Anklopfen im Weltnaturerbe“ - Specht Monitoring im Weltnaturerbegebiet


 

Trommelwirbel – der Specht als Lebensraumgestalter

 „Dockdockdockdock“ – Jeder kennt das Hämmern der Spechte, das dem Waldkonzert der Singvögel einen zusätzlichen Rhythmus verleiht. Doch Spechte können viel mehr als das. Sie schaffen Lebensraum für andere Lebensformen und geben bedeutende Informationen über den Waldzustand preis, über die Elemente, die ihn prägen und seinen ökologischen Wert, der sich dadurch generiert. Die Forscher des Nationalparks Hainich hören seit Jahren auf die Spechte, wenn es darum, geht die (Ur-)Waldentwicklung zu dokumentieren.

Es ist Vorfrühling im Nationalpark. Zu dieser Zeit kann es schon einmal passieren, dass sich dem erholungssuchenden Wanderer ein seltsames Schauspiel bietet: Drei Menschen scheinen mit einem Lautsprecher an der Vogelbalz teilzunehmen und das in nicht annähernd konkurrenzfähiger Outdoor-Kleidung. Im Rahmen des Specht-Monitorings durchqueren sie den Nationalpark von Nord nach Süd, von Ost nach West, sowie auf Rundwegen und streifen dabei auch die UNESCO-Weltnaturerbe-Zone. Auf diesen Routen wird in regelmäßigen Abständen mit einer Klangattrappe losgebalzt: Jeder Spechtart wird durch ihren artspezifischen Ruf vorgegaukelt, ein potenter Rivale bzw. attraktiver Partner wäre in sein Revier eingedrungen. An der je nachdem wütenden oder willigen Reaktion in Form von Trommeln, Rufen oder Anflug kann dann die genaue Spechtart bestimmt werden. Einzelne extrovertierte Exemplare sehen sich sogar gezwungen, die Klangattrappe noch einige 100 Meter zu verfolgen, vielleicht, um sie höchstpersönlich zur Reviergrenze zu begleiten.

Kaum ein anderes Tier ist wie der Specht bei uns an die Existenz von Wäldern, genauer an Urwaldelemente und Strukturen reifer Waldökosysteme gebunden. Aus diesem Grund eignen sich Spechte hervorragend, um den Nationalpark Hainich hinsichtlich dieser Qualitäten zu erforschen. Jede  Spechtart spiegelt dabei das Vorhandensein ihres Habitats, also unterschiedliche Lebensgrundlagen wider. Weil Spechte durch ihre Lebensweise andere Lebensformen begünstigen und damit die Artenvielfalt beflügeln, gelten sie als „Schlüsselarten“. So bahnen sie durch Hacken und Entrinden vielen Insekten und Pilzen den Weg. Vor allem aber obliegt ihnen durch die Fähigkeit zum Baumhöhlenbau die Meisterdisziplin des Waldes. Denn ungenutzte Spechthöhlen sind heiß begehrt unter unzähligen Höhlenbrütern wie z.B. Fledermäusen, Hohltauben und Eulen sowie vielen Insekten. Die Motivation der Nationalparkverwaltung Hainich zum Specht-Monitoring gründet außerdem in ihrer besonderen Verantwortung für besagte Vögel: Schwarz-, Grau-, Klein- und Buntspecht gehören zu den Waldvogelarten, die Deutschland international mit den größten Vorkommen beherbergt. Alle diese Spechtarten sind im Hainich vertreten. Beim Mittelspecht hat Deutschland sogar das größte Vorkommen weltweit und der Hainich das größte in Thüringen.

Spechte sind also einerseits Zeiger für schützenswerte Altwaldelemente, die sie zum Überleben brauchen und andererseits Instrumente, durch die einzigartige Strukturen erst entstehen. Der Trommelwirbel des Spechtes ist somit der Startschuss für Artenreichtum, ein Statement zur Waldqualität und damit auch Musik in den Ohren der Forscher.

 

Sarah Kolmeder