„Was tut sich, wenn man nichts tut“


– Eckwerte, Indikatoren und Prognosen liefert der 2. Forschungsbericht des Nationalparks Kellerwald-Edersee

Bad Wildungen. Unter Federführung der Autoren Karin Menzler und Dr. Heiko Sawitzky erschien zum Thema „Biotopausstattung und Naturnähe“ der 2. Forschungsband des hessischen Nationalparks.

Mit dem 2. Forschungsband sollen neuartige landschaftsökologische Analysen aufzeigen, welche vielfältigen und weitreichenden Möglichkeiten für die Naturwald- und Ökosystemforschung im Datenpool einer flächendeckenden und großmaßstäblichen Nationalpark-Biotopkartierung (Maßstab 1:5000) stecken.
 
Gekoppelt mit der Grunddatenerhebung gemäß FFH-Richtlinie liefert die Inventur der Waldlebensräume und sonstigen Biotoptypen, ihrer Verteilung, Fläche und Wertigkeit eine entscheidende Referenz für die weiteren Forschungen und das gesamte Management im Nationalpark. Insbesondere dokumentiert sie den räumlichen und strukturellen Ausgangszustand für das Langzeitmonitoring dynamischer Prozesse als Kernaufgabe des hessischen Nationalparks.
Die Kartierung bildet auch die Grundlage für die Nationalpark- und Wegeplanung und das darauf aufbauende Schutzgebietsmanagement. Beispielsweise lieferte die Biotop-Datenbank mit ihrem GIS-Kartenwerk die wichtigsten Instrumente für die Eignungsbewertung und Auswahl der UNESCO-Weltnaturerbe-Flächen.  
Neue Erkenntnisse zu Reifezuständen, Naturnähe-Parametern oder Hemerobiegraden aus landschaftsökologischer Sicht erarbeiten die Autoren mittels vertiefender Korrelationsanalysen zu Biotopeigenschaften, Habitatausstattung, Strukturmerkmalen und Nutzungseinflüssen.
 
Nationalparkleiter Manfred Bauer betonte: „Eine derartige Kartierung und Auswertung flächendeckender und Daten stellt sicher eine Pionierarbeit dar, die hiermit in einem eigenen, hervorragend ausgestatteten und gestalteten Band gewürdigt und für die weitere Entwicklung des Schutzgebiets genutzt werden soll.“ Er sieht den Forschungsbericht als spannende Lektüre für Fachwelt und interessierte Laien gleichermaßen.
Achim Frede, Forschungsleiter im Nationalparkamt, bewertete die Arbeit als Meilenstein für das Langzeit-Monitoring natürlicher Waldentwicklungen im Nationalpark: „Die Daten und Auswertungen zeigen anschaulich, wo das Schutzgebiet auf dem Weg zur Wildnis steht und an welchen Kriterien die Entwicklung zum Urwald von morgen festgemacht werden können. Die Herleitung und statistische Untermauerung von Naturnähe und Reifegraden aus einer großflächigen Biotopkartierung sind in dieser Form neu.“
 
Karin Menzler (TNL-Umweltplanung/FaGuS) und Dr. Heiko Sawitzky (Naturplanung), die beiden Hauptautoren, freuten sich über den Auftrag, an einer derart wichtigen Grundlagenarbeit für den Nationalpark Kellerwald-Edersee federführend mitzuwirken: „ Der Wert des riesigen Datenpools für die Wissenschaft und das professionelle Management eines Großschutzgebiets wird nun richtig deutlich“.
Interessierte können den 2. Forschungsband in den Nationalpark-Shops im NationalparkZentrum Kellerwald in Vöhl-Herzhausen sowie im BuchenHaus am Wildtierpark Edersee in Edertal-Hemfurth für 25 € erwerben.

Hintergrund:
Hemerobie: Maß für den Einfluss des Menschen auf natürliche Ökosysteme.
 
Im Jahre 2008 legte das Nationalparkamt mit den Ergebnissen zur Fledermausforschung seinen ersten Forschungsbericht für den Nationalpark vor. Zwischenzeitlich hatten Sonderprojekte von überregionaler Bedeutung wie die Internationale Zertifizierung nach IUCN-Statuten und die Nominierung als UNESCO-Weltnaturerbe die Forschungs- und Planungsarbeit des Nationalparks voll in Anspruch genommen. Trotzdem ruhte die Dokumentation von Forschungsergebnissen in dieser Phase keineswegs. Im Nationalpark-Plan wurden 2009 die bis dahin bekannte Naturausstattung des Schutzgebiets sowie das Forschungskonzept der Öffentlichkeit präsentiert. Im Rahmen von Vortragsveranstaltungen und der Tagungsreihe  „Hessisches Naturwaldforum Buche“ wurden regelmäßig wichtige Fachthemen vorgestellt und in Fachzeitschriften publiziert.
 
Der 2. Forschungsband „Biotopausstattung und Naturnähe im Nationalpark Kellerwald-Edersee“ vermittelt zum einen die Besonderheiten des europäischen Rotbuchenwaldes, und fasst zum anderen verschiedene Kartierungen und Forschungsergebnisse des hessischen Großschutzgebietes umfassend und verständlich zusammen. Abschließend wird die Frage „Was tut sich, wenn man nichts tut“ nach der zukünftigen Waldentwicklung im Nationalpark Kellerwald-Edersee beantwortet:

  • Verschiebung der Vegetation hin zur heutigen potentiellen Vegetation
  • Zunahme des Holzvorrats, des Totholzanteils und der Strukturvielfalt
  • Fortgeschrittene Waldentwicklungsphasen => zahlreiche Naturwaldmerkmale
  • Ausbreitung von Urwald-Reliktarten (derzeit 14 Käfer) und Reifezeigern (Pilze, Spechte, Spezialisten)